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Veronika Raich ï Den Himmel aus der Erde schöpfen

Vernissage

Samstag, 8. Mai 2010, 16 - 18 Uhr 

Ausstellung

bis Samstag 3. Juli 2010

Treffpunkte mit der Künstlerin

Jeweils samstags 12.00 – 13.30 Uhr

Performances

Donnerstag, 17. Juni 2010, ab 17.30 Uhr (bis ca. 19.30 Uhr)

Doris Hintermann (Sängerin, Schauspielerin): eine Singperformance zur Ausstellung im Urjodel: «was mit Worten nicht zu beschreiben ist, soll das Herz gebären»

Regula Wyser (Tänzerin): eine Tanzperformance zur Ausstellung: «vom Blitz getroffen und erleuchtet»

Video auf youtube Tanzperformance

Finissage

Samstag, 3. Juli 2010, 15.00 – 17.00 Uhr. Die Künstlerin ist anwesend.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

 


Die Schweizer Künstlerin, 1957 geboren, benutzt schon in jungen Jahren alte Zeitungen als Malgrund, später kommen andere Materialien, Farben und Formen hinzu, dann immer wieder Pflanzen und Blumen.

 

Wer sich auf die Malerei von Veronika Raich einlässt, erkennt ein behutsames Zögern, einen überlegten Pinselstrich, der sich seinen nächsten Schritt überlegt und nichts dem Zufall überlässt.

 

Da sind Kritzeleien und einzelne Fragmente zu entdecken, Erzählungen und Botschaften legen sich dem aufmerksamen Betrachter frei. Beim Bilderzyklus «Rockgeschichten» beispielsweise erzählen uns in Bilder eincollagierte Miniröcke zurückbehaltene Erinnerungen einer längst vergangenen Zeit.
 

Der Titel der Ausstellung vermag einen an das zweite Gesetz der hermetischen Philosophie zu erinnern: «Dasjenige, welches unten ist, ist gleich demjenigen, welches oben ist: Und dasjenige, welches oben ist, ist gleich demjenigen, welches unten ist, um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges.» Diese Erkenntnis erlaubt es, unsere Betrachtungen und Erforschungen der Gesetze auf den uns zugänglichen Bereich zu beschränken, um dann zu versuchen, die gemachten Erfahrungen auf die anderen, uns unzugänglichen Ebenen analog zu übertragen.

Beim Betrachten der Werke von Veronika Raich lassen sich die Begriffspaare oben und unten durch sichtbar und unsichtbar, real und metaphysisch oder hermetisch und gestisch erweitern. Dieses neue Blickfeld ist evident, sollte die Auseinandersetzung mit ihrem Werk zu einem fruchtbaren Schluss führen. Das mag zunächst anspruchsvoll klingen, will aber nicht suggerieren, man verstünde die Werke von Veronika Raich nur nach einer profunden Initiation oder Meditation. Was hinter den Bildern verborgen ist, ist gleichzeitig auf der Leinwand sichtbar. Dies soll an einigen Werken erläutert werden.

Beim Gemälde «Die Mutter» rankt ein schwarzer, verzweigter Baum hoch, an dem Schwämme gedeihen und hinter dem sich ein ins Bild collagiertes Tuch befindet. Eine Art «Bild im Bild», das als Welt des Unbewussten verstanden werden kann und auf dem zahlreiche Blumen zu sehen sind. Neben dem Stamm eine embryonale Figur, gemäss Veronika Raich eine Dreigliederung der Wesenheiten «Schauen», «Fühlen» und «Gebären». In der Hauptsache aber steht der starke, schwarze Stamm, tief in der Erde verwurzelt und eine unerschütterliche Ruhe ausstrahlend und mit verschlungenen Ästen zugleich Gesten des Zweifelns und Haderns evozierend.

Wer nun über diese Erklärungen hinaus die malerischen Qualitäten des Bildes betrachtet, erkennt einen überlegten Pinselstrich, der sich seinen nächsten Schritt sorgsam zu überlegen scheint und nichts dem Zufall überlässt. Von einer flüssigen, lockeren, auf Effekten basierenden Gestik keine Spur. Es ist eine nachdenkliche und besinnliche Art von Malerei, die einen ebensolchen Prozess der Reflexion verlangt. Es ist der poetische Umgang mit allen Eindrücken von aussen und vermag eine Antwort aus dem Innern der Künstlerin zu geben.

Nach den Möglichkeiten und den Absichten bei der Entstehung eines Bildes befragt, erklärt Veronika Raich: «Ich kann sagen, ein Bild malen ist, wenn’s gut läuft, eine Art metaphysischer Vorgang. Ein Aufschimmern von Poesie, das in den Leerräumen zwischen den Gedanken oder zwischen den Worten entsteht. Inneres, häufig in Aufruhr gebracht durch Äusseres, gemalt aus dem Raum des Vorsprachlichen und Vorgedanklichen heraus. Ein gemaltes Bild ist so gesehen ein Aufleuchten aus dem Nichts.» Diese Aussage lässt sich in den Bildern nachverfolgen. Etwa in den perlmutterfarbenen Hintergründen, die zuerst entstehen, dem Bild sozusagen eine Humusschicht verleihen und aus dem sich alle weiteren malerischen Gesten ableiten.

Auch beim Bild «Kind» ist dieser warme Klang des Hintergrundes spürbar, der den gesamten Bildraum bestimmt und sich auf die vorhandenen bildnerischen Elemente überträgt. Dieses Durchdrücken des Hintergrundes und die damit verbundenen Berührungen der übrigen Bildelemente lassen sich auch auf einer weiteren, eher intellektuellen Ebene beobachten. Beispielsweise bei den «Rockgeschichten» erzählen in Bilder eincollagierte Miniröcke zurückbehaltene Erinnerungen aus einer vergangenen Zeit. Durch die mit Farben und Pinsel ins Bild hinzugefügten Gedanken aus der Gegenwart schafft die Künstlerin einen aktuellen Bezug zur Gegenwart. Die Malerei gewordenen Gedanken Veronika Raichs verweigern eine oberflächliche Beschäftigung. Wer sie verstehen will, muss sich in sie hinein denken und auch fühlen. Ohne sich dabei aufzugeben, kann er in die Arbeiten hineintauchen und versuchen, die darin gespeicherten Botschaften und Energien zu ergründen.

Im Almanach «Der Blaue Reiter» von 1912 schreibt Franz Marc: «Es ist wahnsinnig schwer, seinen Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen.» Dies hat sich auch nach rund hundert Jahren nicht verändert. Wir können die Chance wahrnehmen, nicht bloss die Spiritualität längst vergangener Zeiten zu ergründen, sondern den aktuellen Angeboten, die uns unmittelbar umgeben, aufmerksam entgegenzutreten und sie in uns zu verinnerlichen. Die Bilder von Veronika Raich leisten hierzu einen substanziellen Beitrag.

Dr. Simon Baur, Kunsthistoriker


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