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seit 1950

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«Im Auge der Mantis», 2005

Collage, Aquarellstifte,

Tusche, Feder, 64 x 64 cm

 

 

 

 

 

 

 

«Danach», 1997

Graphit, Aquarellstifte

64 x 64 cm

 

 

«Schaurigschöne Sommer-

wiese II», 2002

Aquarellstifte, Graphit

60 x 60 cm

 

 

 

 

 

«Muli und Mantis - aus

der Serie Genesis», 1999

Graphit, Auarellstifte, Acryl

60 x 60 cm

 

 

 

im Atelier...

 

 

 

Bernhard Hollemann (*1.8.1935)   

Stimmen zu Bernhard Hollemann

Betrachtet man seine Blätter genauer, intensiver, so enthüllt sich, vielleicht zunächst zögernd, dann aber recht rasch, eine sehr sensible, und auch in ihrer Empfindsamkeit leicht verletzliche Seele. Aus dieser Wechselwirkung, so scheint mir, von analytischer Schärfe und gleichsam liebevoller Empfindung, strömen dem Zeichner Hollemann Themen und künstlerische Ausformung zu. Oftmals in so grosser Fülle, dass sie das Zeichenblatt zu überschwemmen drohen. So versucht er das Ausufern einzudämmen, steckt Grenzen ab in Form von orthogonal gezeichneten Rahmen innerhalb der Bildfläche, fügt Figuren und Gestalten in ein Rastersystem, gittert sie ein. Der Zeichenvorgang in dem dies geschieht, ist ein heftiger, impulsiver, rascher. Gestalten, die ihn bedrängen, werden verdoppelt, verdreifacht, vervielfacht. Der Duktus der Linien ist expressiv übersteigert, die teilweise eingebrachte Farbigkeit, als substitutives Element, dient dieser Übersteigerung. Die zeichnerische Geste ist eine weit ausholende, vom Schwung der Hand getragen, gleichsam den Elan des Geistes fortsetzen.

Quelle: Prof. Franz Kaindl, anlässlich der Ausstellung «im Auge der Mantis» im Wiener Stadtmuseum, November 2002

 


Er hält fest, wie die vorzeitlichen Maler der Eiszeithöhlen die Erscheinungen ihrer Umgebung auf die Höhlenwand zeichneten; aus ähnlichen Voraussetzungen, so will uns scheinen, zeichnet Hollemann die Erscheinungen unserer Welt auf. Ein Festhalten, gleich einem Bannen, einem Zauber. Mantis religiosa, die Gottesanbeterin – mit langen Fühlern und grossen, weit voneinander getrennten Augen lauert sie regungslos mit erhobenen, zusammengelegten Fangbeinen auf Beute. Diese bizarren Lauerjäger», die zu den grausamsten der Tierwelt zählen, setzt Bernhard Hollemann ins Zentrum seiner Graphik- und Malzyklen.

Der in Deutschland geborene und seit 1959 in Baden bei Wien lebende Künstler, dem schon viele Insekten «Modell gesessen sind», erarbeitet kontinuierlich Überschneidungen der Lebensweisen von Mensch und Tier: das Tierische im Menschen, das Menschliche im Tier. Insekten und Phantasiegebilde bevölkern seine Arbeiten, sie lauern, hocken, schwirren, verwandeln sich, erinnern an Kafkas mysteriöse Welten, verkörpern auf Ihre Weise – als eine Art Mischwesen – Hollemanns Kommentar zu Umwelt, Intoleranz, unmenschlichen Verhaltensweisen. Manchmal übersteigert, manchmal verharmlosend, manchmal unterhaltend. Immer aber analysierend, hinter der naiven Natur lauert das Böse schlechthin. Urgründe und Abgründe tun sich auf, die Psyche wird «aufgeblättert» - der Mensch in der Maske des Tieres.

Quelle: «Der Insektenvermesser», Ausstellungsbeitrag aus der Zeitung «Die Presse, Rubrik Schaufenster» (Ref: karg)

 

 

 

Mantis religiosa (Gottesanbeterin)

 

Ihr Name rührt von der gebetsartigen Haltung Ihrer Fangarme her. Auch der   wissenschaftliche Name «religiosa» deutet in diese Richtung. Der Name «Mantis» hat seinen Bezug im Griechischen und bedeutet so viel wie «Seherin». Jahrhundertelang spielte die Gottesanbeterin eine grosse religiöse Rolle, unter anderem bei den Mittelmeervölkern.

 

Die grasgrün oder hellgelb gefärbten Insekten erreichen eine Körperlänge von bis zu 80 mm. Sie werden von ihren Opfern meist nicht erkannt, da diese besonders gut Bewegungen wahrnehmen können, die Gottesanbeterin aber absolut still sitzt. Sie sind reine Fleischfresser und nehmen keinerlei Pflanzen zu sich. In Gefangenschaft oder bei Nahrungsarmut werden zuweilen auch die Männchen nach der Begattung gefressen, um den immensen Eiweissbedarf des Weibchens zu decken.

 

 

 

 

 

 

 

In einem Metier, das von so viel Um und Auf geprägt ist, kann nur bestehen, wer unbeirrt seinen Weg geht. Bernhard Hollemann verfügt über diese Hartnäckigkeit in hohem Masse – bis hin zur Dickköpfigkeit. Kein Wunder, dass Kakteen sein Lieblingsgewächse sind.

Doch daneben auch Orchideen. Der harte Stachel ist also nur das eine. Da ist zugleich auch sehr viel Filigranes, Versponnenes, Verträumtes. Und beides, das Aggressive wie das Visionäre, lebt Bernhard Hollemann in seinem Werk aus. Über dieses Spannungsfeld, aus dem sich eine Kunst speist, ist viel gerätselt, viel spekuliert, viel geschrieben worden.

Als unser gemeinsames Buch «Die Leiden der alten Wörter» erschien, hatte ich wiederholt Gelegenheit, Bernhard Hollemann beim Signieren zu beobachten. Während ich, nicht des kleinsten Schnörkels fähig, mich mit meinem blossen Namenszug begnügen musste, reicherte er noch die beiläufigste Widmung mit einer improvisierten zeichnerischen Miniatur an, und nicht nur, dass ihm dabei keinerlei stereotype Wiederholung unterlief, floss ihm jede der Figuren, jedes Motiv, jeder der Geschehensabläufe mit solcher Unangestrengtheit, solcher Leichtigkeit, solcher Selbstverständlichkeit aus der Feder, dass mir rasch klar wurde: Bei diesem Künstler ist nichts ausgeklügelt konstruiert, nichts kühl berechnet. Bei ihm ist alles echt. Und kommt aus einem schier unerschöpflichen Potential des assoziativen Fabulierens, das mit traumwandlerischer Sicherheit ins Bild gesetzt wird.

Quelle: Dietmar Grieser

 


 

Bissiger Lauerjäger

Bernhard Hollemanns skurril-übersteigerte Mischwesen in der Galerie HILT. Der in Wien lebende Zeichner Bernhard Hollemann kommt in der Galerie HILT zu seinem ersten Auftritt in der Schweiz.

In ganz Europa hat er schon Einzelausstellungen bestritten, nahm teil an zahlreichen Bienalen und Kunstmessen und konnte etliche Preise für sein spannungsreiches künstlerisches Werk entgegennehmen. Zu seinem ersten Auftritt in der Schweiz verhilft dem bei Wien lebenden Bernhard Hollemann (69) derzeit eine Ausstellung der Galerie Hilt, in der es die sonderbare Welt des genialen Zeichners zu entdecken gilt.

In Hollemanns mit Acrylfarbe, Collagetechnik, Feder, Tusche und Grafitstift bearbeiteten Blättern brodelt es. Was da brodelt, sind vor allem die unzähligen Striche, die Strichknäuel, die sich unter seiner impulsiven zeichnenden Hand zu allen möglichen und unmöglichen Erscheinungen unserer Welt verdichten – zu Menschen und menschenähnlichen Kreaturen, zu Tieren und tierhaften Wesen, zu Landschaften und Phantasiebildern zwischen Realität und Abstraktion.

Beute

Hauptfigur, ja unumschränkter Star in Hollemanns Bildwelt ist die «Mantis religiosa» - gemeinhin auch als Gottesanbeterin bekannt. Dieses mit langen Fühlern und hervortretenden Augen ausgestattete Insekt, das stets auf Beute lauert und auch keine Skrupel kennt, nach dem Geschlechtsakt den eigenen Liebhaber zu verspeisen, gehört zu den Gestalten, die den Künstler ganz besonders bedrängen, die er in der Vervielfachung expressiv übersteigert und mit Linie und Strich ins Befremdliche und Abwegige, Skurrile und Ominöse abzubiegen ver- steht.

Breite

«Genesis» und «Zerstörung» sind zwei sich wiederholende Bildtitel; das Leben in seiner ganzen Breite ist es also, dem der Künstler sein ganzes Augenmerk schenkt, in seinen Strichgebilden geheimnisvoll umhüllt und dem Beschauer zum Enträtseln präsentiert. Tanzende Farbflecken und Linien, die sich verwickeln, lösen, abrupt abbrechen oder eine neue Form entstehen lassen: Das alles ist nicht ganz von dieser Welt, obwohl die Welt – und was sich in ihr tut – immer eine wichtige Rolle spielt.

In einem früheren Ausstellungskommentar wurde es so formuliert: «Insekten und Phantasiegebilde bevölkern seine Arbeiten, sie lauern, hocken, schwirren, verwandeln sich, erinnern an Kafkas mysteriöse Welten, verkörpern (...) Hollemanns Kommentar zu Umwelt, Intoleranz, unmenschlichen Verhaltensweisen.» Bissige Boshaftigkeit oder unterschwelliger, einer Humor sind die Grundstimmungen, die er bis hin zur Obsession verfolgt, und die das Auge des Betrachters gleichermassen faszinieren wie irritieren

Quelle: Renate Dürst, Basler Zeitung, 21.4.2005