238 - Sr. Maria Raphaela Bürgi - Bildwelten (8.11.1997 - 17.1.1998)

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Lebensbaum, 1996
Öl, Sand auf Leinwand
100 x 120 cm

Sr. Maria Raphaela Bürgi
Kunstpädagogin und Malerin

BILDWELTEN
Bilder der Jahre 1996 und 1997

 

Vernissage
Samstag, 8. November 1997 ab 14 Uhr
Frau Beatrice Eichmann-Leutenegger spricht einführende Worte.

Die Künstlerin ist nebst der Vernissage an folgenden Tagen anwesend:
21. Nov. 16.00-18.15 / 5. Dez. 16.00-18.15
20. Dez. 15.00-17.00 / 9. Jan. 16.00-18.15

Ausstellung
Bis 17. Januar 1998

Die Gefahr ist gross, und fast wäre auch ich ihr erlegen: Eine malende Ordensschwester mit Jahrgang 1923 - man denkt an sakrale Kunst, an «Heiligenbilder», und man meint zu wissen, was einen da erwartet ...

Doch las ich zum Glück gleich zu Beginn einen ungemein gut geschriebenen, aufschlussreichen NZZ-Artikel und den bebilderten Katalog zur Ausstellung im Oltner Stadthaus: Sr. Raphaela Bürgi passt ganz und gar nicht ins gängige Schema, und sehr rasch konnte ich dem überheblich schnellen Vorurteil entkommen.

Schon der Lebenslauf dieser Künstlerin entspricht nicht der üblichen Karriere eines Kunstschaffenden. 1923 als Elisabeth Bürgi in Olten geboren, verlor sie bereits mit vier Jahren ihre Mutter. Vater und Grossvater gaben ihr entscheidende Anreize und Erfahrungen mit und weckten in ihr die Lust an Farben und Formen.

Die Gefahr ist gross, und fast wäre auch ich ihr erlegen: Eine malende Ordensschwester mit Jahrgang 1923 - man denkt an sakrale Kunst, an «Heiligenbilder», und man meint zu wissen, was einen da erwartet ...

Doch las ich zum Glück gleich zu Beginn einen ungemein gut geschriebenen, aufschlussreichen NZZ-Artikel und den bebilderten Katalog zur Ausstellung im Oltner Stadthaus: Sr. Raphaela Bürgi passt ganz und gar nicht ins gängige Schema, und sehr rasch konnte ich dem überheblich schnellen Vorurteil entkommen.

Schon der Lebenslauf dieser Künstlerin entspricht nicht der üblichen Karriere eines Kunstschaffenden. 1923 als Elisabeth Bürgi in Olten geboren, verlor sie bereits mit vier Jahren ihre Mutter. Vater und Grossvater gaben ihr entscheidende Anreize und Erfahrungen mit und weckten in ihr die Lust an Farben und Formen.

Als Dreizehnjährige begegnete sie der Oltner Kunstgewerblerin Alma Lätt, die ihre Begabung entdeckte und förderte, doch führte das alles nicht zur erwünschten Künstlerlaufbahn: Den Vorkursunterricht an der Basler Kunstgewerbeschule brach sie nach einem Jahr ab, denn er entsprach überhaupt nicht den Vorstellungen, die sich die junge Elisabeth von einer künstlerischen Ausbildung gemacht hatte.

1939 begann sie in Olten eine Lehre als Verkäuferin und besuchte gleichzeitig die Textilfachklasse der KGS Basel mit Semestern an der AGS und der Frauenarbeitsschule
Basel. Danach liess sie sich mehrere Jahre in verschiedenen Abendkursen weiterbilden und erlernte das Textile Entwerfen und die Naturstudien. Nach dem Lehrabschluss als diplomierte Verkäuferin und Kunstgewerblerin, arbeitete sie 1942 als Praktikantin im Handwebatelier Ligerz.

Eine erste, wichtige Wendung in Elisabeths Leben brachte Alma Lätt: Durch sie erhielt die junge Kunstgewerblerin eine Stelle in der Basler Behindertenwerkstatt «Webstube». wo die Begeisterung für die soziale Arbeit erwachte. Sie hatte die christliche Arbeit für den Mitmenschen entdeckt, und so trat sie 1946 als Novizin ins Kloster des tätigen Ordens der Schwestern von lngenbohl ein. Eigentlich hätte sie Handarbeitslehrerin werden sollen, doch eine glückliche Fügung wollte es, dass sie zur Zeichenlehrerin ausgebildet wurde. Also besuchte sie nochmals die Basler Kunstgewerbeschule, wechselte nach einem Jahr an die Kunstgewerbeschule in Freiburg i.Ü., doch auch diese Kurse schienen ihr unnütz, und so kam sie ins Kloster zurück, beendete das Noviziat und schloss in Basel die Ausbildung ab.

Neben ihrer Arbeit als Zeichenlehrerin an der Höheren Mädchenschule Theresianum, restaurierte und gestaltete sie Kapellen und schuf Glasfenster für öffentliche Bauten. Sr. Raphaela war zwar eine überaus gute Zeichenlehrerin und Kunstgewerblerin, aber {noch) keine Künstlerin. Es waren äussere Umstände, vielleicht reine Zufälle oder das Schicksal, die Ende der Sechziger Jahre Sr. Raphaela von vielen Einschränkungen befreiten und sie ganz zur Kunst führten: Die Halbierung des Lehrpensums schenkte ihr die dringend benötigte Zeit für die Malerei, und ihr wurde ein geräumiges Atelier zur Verfügung gestellt. Ein zehnmonatiger Aufenthalt in London, der Besuch der dortigen Schule für experimentelle Kunst, der Aufbruch der 1968er und die Mondlandung eröffneten ihr neue Welten.

Ihre innere Unruhe brach aus, und sie musste die bisherige Arbeit grundsätzlich in Frage stellen. Es war der Beginn einer Reise in erahnte, aber bislang unentdeckte Bild-Welten. Sie begriff, dass ihre Berufung nicht hauptsächlich in der barmherzigen Hilfe am Nächsten lag, sondern in der künstlerischen Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Anderen
und Gott, und sie liess zu, dass die inneren Kämpfe, die sie als christliche Nonne in einer immer profaneren Umwelt auszutragen hatte, Gestalt annahmen: Ihre Mission war die Malerei. Als Ordensschwester an die tägliche Übung der Meditation gewohnt, verband sie diese mit den Erkenntnissen der modernen Psychologie. Das zwang sie, tiefer in sich gehen, noch genauer hinzuhorchen und ihr Innenleben unvermittelt, ungeschminkt und eigensinnig darzustellen.

Wandlungen sind auch schmerzhaft, und so hielten Dunkelheit, Schwere, Trauer, Schmerz und Melancholie Einzug in ihre Bildwelten, die dadurch vollständiger, wahrhaftiger, gleichsam frei sichtbar wurden. Sr. Raphaela hätte aus der heilen Abgeschiedenheit des Klosters missionarisch «das Gute in die böse Welt» tragen können, doch sie entschied sich, nicht zu trennen, abzusondern, sondern sich der Welt, ihrer persönlichen inneren und unser aller äusseren zu stellen. Sie verzichtete auf die ungefährdete Sicherheit der Kunstgewerblerin und wurde ganz zur suchenden, schutzlosen Künstlerin.

Mit der Meditation tastet die Malerin im Seelenlabyrinth nach einem Weg und zeichnet ihn auf. In der Zweisamkeit des Einsamen - allein mit sich selbst - erfährt sie die Grenzbereiche, frägt nach dem göttlichen Kern und findet Gemeinsamkeit mit dem Nächsten, mit uns. Deshalb sind ihre Bilder dem Betrachter nicht fremd, er erkennt sich in ihren Bildern wieder. Der eine, gläubig Geprägte mag es «Seele» nennen, ein anderer, rein weltlich Gesinnter behilft sich mit Worten wie «Psyche», «Unterbewusstsein» oder «das Unbewusste». Es ist das erahnt Unbekannte - oder ist es die zuversichtliche Gewissheit des Gläubigen?-. das herausfindet, einem bewusst wird, es sind menschliche Innenwelten, angedeutete, werdende Seelenzustände, Spuren einer Sinnsuche, die nach aussen dringen und zu Bildern werden - und es sind auch unsere eigenen Bildwelten.

Die Werke von Sr. Raphaela beeindrucken zunächst wegen der häufig leuchtenden, mitunter gar grellen Farben, durch die unvermittelt, dennoch zielsicher gemalten Pinselstriche; mit dieser Klarheit erreichen die Bilder den Betrachter ohne Umschweife und ziehen ihn in Bann. Ich sehe Gesichter, zuweilen angedeutet oder gar verdeckt, nicht nur liebliche, sondern auch fratzen- und maskenhafte.

Es schauen mich manchmal hoffende, manchmal ängstliche oder verwirrte Augen an, hier begegne ich einem eindringlichen, dort einem leeren Blick, und die Hände sind nie beiläufig, sondern sprechen ihre eigene Sprache, sind hilflos oder suchend, tastend oder abwehrend. Auch die Frau, ein häufiger Gast in ihren Aquarellen und Ölbildern, ist mal Madonna, mal Daphne, mal Urmutter, mal Gewaltopfer, doch nie platte Dekoration. Selbst die Stadt- und Landschaftsbilder, Meer, Wald oder Gärten, sind bei Sr. Raphaela nicht reine Darstellung der Natur, sondern gleichzeitig bildgewordene seelische Innenwelt, sie füllen Begriffe wie Ruhe, Trauer, Furcht, Hoffnung oder Glück mit einem bildhaften Inhalt aus.

Wiederum ist die engelhafte Figur nur ganz selten der seit Kindstagen vertraute Himmelsbote, sondern tritt als zürnender Kämpfer. manchmal als siegreicher Herrscher auf. zeigt sich als tückischer Dämon oder als verlockender Eros, als freundlicher Wegweiser oder Furchterregender. Ebenso die Taube, allgemein der klassisch-sakrale Vogel als Sinnbild für die Seele, weist gleichzeitig ganz weltlich hin auf die Befreiung, auf Friede und Freiheit.

Doch bei allen Versuchen, in Sr. Raphaelas Werken die Weltlichkeit zu finden, wäre es  falsch, sie nicht als sakrale Kunst zu sehen, ihre Religiosität ausschliessen oder gar verneinen zu wollen. Beim Betrachten einiger Bilder musste ich unwillkürlich an Franz von Assisi und sein freudig staunendes Loblied auf die Schöpfung denken - bei Sr. Raphaela sind die Verse des Bettelmönchs zu Bildern geworden. Andere Werke erinnerten mich an Munch und seinen «Schrei», an Chagalls Lichtspiele, an die Farbzeichen Klees und Kandinskys - gleichzeitig aber auch an klassische Darstellungen von Heiligen und Märtyrern, an Geschichten aus Dantes «Göttlicher Komödie», an biblische Zyklen und an Szenen vom Kreuzweg. Selbst wenn die Künstlerin zur Chronistin wird, wenn die Kriege am Golf und auf dem Balkan sie nicht in Ruhe lassen, sie zum Malen zwingen, werden ihre Bilder zu Denk- und Mahnmalen, allgemeingültige und zeitüberschreitende Abbilder von Leid, Furcht und Gewalt, von Mitgefühl, Barmherzigkeit und Hoffnung - Themen, die kaum bar jeglicher Religiosität begriffen werden können.

Für einen Menschen wie Sr. Raphaela, die Mystik und Wissenschaft, Glaube und Wissen, Innen und Aussen zu überbrücken, zu vereinen vermag, die trotz aller Gegensätze und Widersprüche das Harmonische erfasst, sind diese Bilder weder rein sakral noch streng weltlich - und vor allem sind sie ihm nicht fremd. Trotz aller Wissenschaft entziehen sich die Geheimnisse der Seele einer letzten, abschliessenden Entdeckung, sie lassen sich anscheinend nicht lüften. sondern nur erahnen, und so sind die Bilder von Sr. Raphaela Bürgi keine doktrinär-dogmatischen Vorlagen, sondern sacht suchende Visionen, sind angedeutete Fragen, keine starrsinnigen Antworten. Frei in ihrer Deutung, begegnet der Betrachter ihnen nackt, mit seiner ihm eigenen Erfahrung.

Text
Enrico Ghidelli

 

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