299 - Die Künstler aus Gugging - (1.10.2005 - 12.11.2005)

Die Künstler aus Gugging

Johann Fischer | Johann Garber | Franz Kernbeis
Johann Korec | Heinrich Reisenbauer | Arnold Schmidt
Günther Schützenhöfer | Oswald Tschirtner | Karl Vondal

Entstanden durch die Gründung eines Therapie- und Malzentrums in der psychiatrischen Klinik in Maria Gugging (A), hat sich die Künstlergruppe zu einer eigenständigen Institution entwickelt und feiert international in Galerien, Museen und auf Kunstmessen grosse Erfolge. Es freut uns, Ihnen diese Ausstellung mit Werken dieser aussergewöhnlichen Künstler vorstellen zu dürfen.


Vernissage
Samstag, 1. Oktober 2005, 14 –18 Uhr

Einführung um 15 Uhr durch Monika Wösthoff, Kunsthistorikerin


Ausstellung
4. Oktober bis 12. November 2005


Apéro
Freitag, 21. Oktober 2005, 18.45 Uhr,
mit Führung durch Monika Wösthoff

 

Der Schweizer Psychiater Walter Morgentaler hatte 1921 als einer der ersten den Mut, seinen Patienten, den mittlerweile berühmten Adolf Wölfli (1864 – 1930) als Künstler zu bezeichnen. Sein deutscher Kollege Hans Prinzhorn beschrieb in einem 1922 veröffentlichten Buch die Schönheit und den Einfallsreichtum in den Bil­dern psychisch Kranker. Es fand grosses Echo in der Kunstwelt und legte den Grundstein für die Auseinandersetzung über Kunst und Psychiatrie. Diese fruchtbare Phase wurde u.a. als Beweis für die «Entartung» der Kunst der damaligen zeitgenössischen Künstler missbraucht. In den 1940er Jahren postulierte der Maler Jean Dubuffet erstmals den Begriff «Art Brut» (brut = roh, un­verfälscht) für diese Kunst, die frei von herkömmlichen Wertmassstäben unbelastet von kunsthistorischen Wertigkeiten dem Inneren des Künstlers entspringt. Art Brut war für Dubuffet die schöpferische Arbeit von Aussenseitern der Gesellschaft, die keiner Kunstrichtung und keinem Stil verpflichtet sind, sondern persönliche, tief empfundene Begebenheiten mit ihrem eigenen Ausdrucksver­mögen widerspiegeln.

Der Psychiater Leo Navratil begann in den 1950er Jahren im Niederösterreichischen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Gugging aus rein wissenschaftlichem Interesse Testzeichnungen mit Patienten durchzuführen. Bald zeigte sich, dass es unter den Tausenden von Patientenzeichnungen einzelne gab, die etwas Besonderes darstellten. Ihr Stil liess sich nicht in psychiatrischen Schubladen wie «Depression», «Psy­chose» oder «Manie» einordnen, was ihn dazu bewegte, über seine wissenschaftlichen Untersuchungen hinauszugehen. Dabei entdeckte er, unter anderem im Dialog mit Dubuffet, dass einige dieser zeichnenden Menschen das Talent aufwiesen, neue kreative Gestaltung zu entwickeln. Ab 1970 präsentierte er Werke der «Künstler aus Gugging» in Galerien und Museen, 1981 erfolgte die Gründung des «Zentrums für Kunst und Psychotherapie» als Teil der Klinik – eine örtlich abgetrennte Wohngemeinschaft zum zeichnen und malen.

Dr. Johann Feilacher übernahm 1986 die Leitung des in «Haus der Künstler» umgetauften und inzwischen autonomen Hauses. Es dient auch heute noch als Wohn- und Arbeitsstätte und ist zugleich auch Museum, Galerie und Kommunikationsraum. Um die Werke auch kunsthistorisch aufzuarbeiten, wurde ein Verein gegründet, über den dank Subventionen Jungakademiker ange­stellt werden konnten. Diese «Freunde des Hauses der Künstler in Gugging» hat u.a. die Aufgabe, die Werke der Künstler zu do­kumentieren.

Während Navratil noch das künstlerische Talent als kausale Folge der psychischen Erkrankung ansah und sein Interesse vor allem der Psychopathologie galt, legt Feilacher das Hauptgewicht auf das Ausleben und die unbeschränkte Entwicklung des künstleri­schen Talents der Hausbewohner. Das eigenständige, nahezu normale Leben als freischaffender Künstler wird gefördert, indem jeder Künstler Mitbesitzer einer Gesellschaft ist, welche Ausstellungen organisiert und den Verkauf der Kunstwerke regelt. Dadurch können die Künstler ihren Unterhalt zum grössten Teil selbst bestreiten und erfahren eine direkte Anerkennung ihrer Arbeit. Das Selbstwertgefühl und die finanziellen Mit­tel ermöglichen ihnen das zu tun, was anderen selbstverständlich erscheint: Kleider kaufen, in ein Restau­rant essen gehen, einen Fernseher erwerben...

Eines der Anliegen Feilachers ist es auch, das «Psychiatrie-Image» abzubauen: Menschen mit psychischen Problemen sollen nicht einfach als «malende Patienten» gelten, die in unserer Gesellschaft oft Almo­senempfänger mit einem niedrigem sozialen Status sind. Nicht das voyeuristische Interesse an deren privater Geschichte und Problematik, sondern die Achtung und Anerkennung als talentierter Mensch soll im Vorder­grund stehen.

Dass psychisch Kranke Grossartiges und Einmaliges hervorbringen können und nicht alleine die Psychose das Talent und die Kreativität auslösen, haben u.a. Oswald Tschirtner und der 1996 verstorbene Johann Hauser mit ihren Arbeiten belegt.

Text
Dr. Johann Feilacher, Mag. Nina Katschnig / lf

Der gelernte Bäcker arbeitete nach seiner Freilassung aus der Kriegsgefangenschaft auf dem elterlichen Bauernhof. 1957 brach seine Krankheit aus und seit 1981 lebt er im Haus der Künstler. Er verwendet ausschliesslich Blei- und Farbstifte, anfänglich nur für einfa­che Figuren und Gegenstände in Gelb- und Brauntönen. Seit den 1990er Jahren malt er komplexe, polychrome Bildergeschichten ba­sierend auf realen oder erfundenen Ereignis­sen.

Erstmals war er als 19-jähriger in Behandlung und lebt seit 1981 im Haus der Künstler. Er ist international bekannt für seine Feder- und Tuschezeichnungen eines bis ins kleinste Detail ausgestalteten Themas, das er mit or­namentalen Figuren, Tieren und Symbolen ergänzt. Er stellt auch farbige, flächig gemalte Bilder her, bemalt Fundgegenstände und ge­staltet seine Umgebung durch das Bemalen des Mobiliars.

Seit dem 17. Lebensjahr traten bei ihm Stö­rungen auf und seit 1981 lebt er im Haus der Künstler. Meistens zeichnet er einzelne Figu­ren und Gegenstände in archaischer Formen­sprache und von grosser Dichte. Sie wirken wie aus Stein gemeisselt im Grau des Blei­stifts oder den in vielen Farbschichten über­einander gestalteten Farbflächen. Erst seit den 1980er Jahren zeichnet er auch gross­formatig in Farbe.

In Heimen aufgewachsen, arbeitete er bis zur Aufnahme in die Klinik 1958 als Bauern­knecht. 1981 kam er ins Haus der Künstler. Aus dem Kopieren von Zeitungsvorlagen ent­wickelte er eine freie Maltechnik mit Aquarell und Tusche. Wie ein illustriertes Tagebuch wirken seine Liebespaare und erotischen Szenen, welche er jeweils im unteren Teil der Bilder beschreibt.

Nach dem Schulbesuch lebte er 30 Jahre als chronisch Kranker in der Klinik, bevor er 1986 ins Haus der Künstler zog. Seine meist kleinformatigen Bilder stellen serienhaft Ob­jekte dar, die sich immer in fei­nen Nuancen voneinander unterscheiden. Er arbeitet mit Bleistift, Farbstift und Kohle und ist ein wich­tiges Mitglied der Künstler aus Gugging.

Bereits in seiner Jugend kam Arnold Schmidt in eine Klinik. Lange Zeit nach seiner Auf­nahme in das Haus der Künstler im Jahr 1986 war er dessen jüngster Bewohner. Die menschliche Figur, immer dem Betrach­ter zugewandt, bildet das Hauptthema seiner Bilder, das er in kräftigen Farben und mit ei­nem sehr dynamischen und expressiven Mal- und Zeichenstil umsetzt.

Der derzeit jüngste unter den Gugginger Künstlern wohnt seit 1999 im Haus der Künst­ler. Zuerst überlegt er sich genau, was er zeichnen will und das macht er dann auch sehr präzise und bedächtig. Sein Strich ist zart, aber bestimmt – wohlüberlegt. Seine Themen sind vielfältig, wenn er jedoch gele­gentlich wiederholt ein bestimmtes Tier zeichnet, so wird dieses doch immer anders aussehen.

Bis zum Kriegsdienst studierte er Chemie. In Gefangenschaft erkrankte er, kam 1954 nach Guggingen und 1981 ins Haus der Künstler.

Seit den 1960er Jahren entwickelte er einen von Kopffüssler-Darstellungen ausgehenden Stil. Diese thematisiert er mit wenigen Stri­chen in eigenständigen Varianten und Kom­binationen mit Tusche oder Edding.